»Expedition Bach«

Ein Kirchenarchiv irgendwo in Mitteldeutschland Im Jahr 2002 startete das Bach-Archiv Leipzig ein ehrgeiziges Forschungsprojekt: die systematische Erschließung von Bach-Dokumenten in sämtlichen ca. 400 Städten des historischen Mitteldeutschland. Bis dahin hatten die Forscher vor allem die Wirkungsstätten Bachs in den Blick genommen; andernorts waren Bachsche Orgelgutachten, Zeugnisse oder Belege für seine Gastspieltätigkeit eher zufällig aufgetaucht. Nach einer inzwischen mehr als 10-jährigen Projektdauer, ca. 300.000 gefahrenen Expeditionskilometern, tausenden durchgesehenen Aktenstapeln in etwa 310 Städten können sich die Fundstücke sehen lassen. Sie reichen von bedeutenden Dokumenten zur zeitgenössischen Bach-Rezeption bis hin zu den spektakulären Autographen-Funden der Weimarer Bach-Arie »Alles mit Gott und nichts ohn’ ihn«, BWV 1127 (entdeckt im Mai 2005), den frühesten Notenhandschriften Bachs (präsentiert im August 2006), dem frühesten erhaltenen Werk von Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel (2010) und der Wiederentdeckung der lange verschollen geglaubten Schülermatrikel der Leipziger Thomasschule (2012). Letztere Funde haben dazu beigetragen, dass das Projekt eine international beachtete Unternehmung geworden ist.

Obwohl zu Projektbeginn niemand gewagt hat, auch die Entdeckung unbekannter Bach-Werke vorherzusagen – die letzten Zuwächse lagen auf dem Gebiet des Vokalwerkes bereits 70 Jahre zurück; auf dem Gebiet der Tastenmusik muss man bis in die 1980er Jahre zurückblicken –, führen die Erfolge vor Augen, dass auch in scheinbar »abgegrasten« Bibliotheken, ebenso wie in entlegenen Archiven weiterhin unentdeckte Bachiana verborgen sein könnten. Und so geben wir uns der berechtigten Hoffnung hin, dass die geduldige Befragung der historischen Quellen verbunden mit günstigen Überlieferungsumständen und einer gehörigen Portion Finderglück auch in Zukunft verloren geglaubte oder noch gar nicht erahnte Bach-Werke und Dokumente ans Licht bringen wird.

Da die aufwändigen Erschließungsarbeiten an den einzelnen Orten oft genug keine Bach-Funde zeitigen, werden zugleich sämtliche musikgeschichtlich relevanten Dokumente, wie Musikalien, Musikerbriefe, Orgelbauakten oder Materialien zur Aufführungspraxis aus der Zeit vor 1800 erschlossen. Einzelpublikationen berichten über die herausragenden Funde – so konnten schon Dokumente anderer bedeutender Komponisten wie Heinrich Schütz, Samuel Scheidt oder Johann Friedrich Fasch präsentiert werden. Der größte Teil der Ergebnisse des Projektes wird schließlich in einem Verzeichnis der Kantoren und Organisten in den Städten des historischen Mitteldeutschlands (1517–1800) kumulieren.

 

Das Projekt »Expedition Bach« wird gefördert von der Gerda Henkel Stiftung.

 

Ansprechpartner: Prof. Dr. Peter Wollny und PD Dr. Michael Maul

 

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